Kaspar Hauser

Kaspar Hauser
Kaspar Hauser
 
Als er in der fränkischen Hauptstadt Nürnberg im Mai 1828 wie aus dem Nichts auftauchte, war er voller Rätsel: eine verwahrloste Gestalt, kaum des Gehens und des Sprechens mächtig, aber ein wenig des Schreibens, von der man später erfuhr, dass sie in einem dunklen Raum über Jahre in völliger Abgeschiedenheit aufgewachsen war. Die Gesellschaft der romantisch-schwärmerischen Biedermeierzeit nahm großen Anteil am Schicksal des sonderbaren Findlings, auf den angeblich zwei Attentate unternommen wurden und der bereits 1833 unter so rätselhaften Umständen, wie er aufgetaucht war, auch starb, nämlich an einer Stichverletzung, von der nicht klar war, ob er sie sich selbst oder ein Fremder ihm zugefügt hatte. Die Kaspar-Hauser-Legende war begründet, und sein Schicksal füllte fortan, bis weit ins 20. Jahrhundert hinein, Massen von Druckwerken; auf bis zu 2 000 Bücher sowie bis zu 15 000 Pamphlete, Darstellungen und Aufsätze, aber auch Gedichte und Lieder, wird die »Kaspar-Hauser-Literatur« geschätzt. Auch mehrmalige erfolgreiche Verfilmungen erfuhr sein geheimnisvoll kurzes Leben.
 
Trotz Einbeziehung neuer Dokumente wurde dieser berühmteste Kriminalfall des 19. Jahrhunderts, nach Golo Mann der »schönste Krimi aller Zeiten«, jedoch bisher noch immer nicht zweifelsfrei und vor allem restlos aufgelöst. Offen blieb, wer Kaspar Hauser war, woher kam und warum starb der rätselhafte Findling, den die Zeitgenossen romantisch-schwülstig das »Kind Europas« nannten und der »weit über Zeit und Raum zu einem Inbild des nach dem Woher und Wohin fragenden Menschen« (Stadt Ansbach) geworden ist. Alle aber, die in ihm einen badischen Erbprinzen gesehen hatten, der aus dynastischen Gründen aus dem Weg geräumt wurde, mussten sich 1996 eines Besseren belehren lassen, als eine Genanalyse diese Abstammung ausschloss.
 
 Das kurze Leben des Kaspar Hauser
 
Am 26. 5. 1828, am Pfingstmontag, zwischen 16.00 und 17.00 Uhr, fiel in den Straßen Nürnbergs erstmals eine fremde, wankende Person auf, die bäuerlich-ärmlich gekleidet und schätzungsweise 16 Jahre alt war. Vorbeigehende hielten sie zunächst für betrunken oder taub, da sie auf ihre Fragen nicht zu antworten vermochte. Überhaupt schien der seltsame Mensch kaum sprechen zu können bzw. Sprache nicht zu verstehen. Lediglich hatte er immerzu geradebrecht, dass er ein Reiter werden wolle, wie sein Vater einer gewesen sei. Die Person soll sich selbst als Kaspar Hauser bezeichnet haben; einen solchen Namen schrieb der unbeholfene und verstörte Jüngling jedenfalls nach seinem Aufgreifen in der Polizeiwache nieder, mit schwerfälliger Hand, nachdem man ihm Papier und Feder gegeben und er zuvor alle Fragen nach seiner Person nur mit »woiß net« beantwortet hatte. Außerdem hatte der Knabe zwei nicht signierte Briefe in zweifelhaftem Deutsch an einen Rittmeister von der 4. Schwadron des 6. bayrischen Kavallerieregiments bei sich, weil in diesem einmal sein inzwischen verstorbener Vater gedient haben sollte. In den beiden Schriftstücken, eins davon von seiner angeblichen Mutter, waren Name und Schicksal des Knaben mit kryptischen Hinweisen vermerkt: »Hochwohlgeborener Hr. Rittmeister! Ich schücke ihner ein Knaben. .. ist mir gelegt worden 1812 den 7 Ocktober, und ich selber ein armer Tagelöhner. .. habe ihm Zeit 1812 Keinen Schritt weit aus dem Haus gelaßen. .. das Kind ist schon getauft. .. Heist Kasper. .. gebohren. .. im 30. Aperil 1812. ..«
 
Zunächst wurde der unbekannte und kauzig erscheinende Jüngling in der üblichen Weise als Landstreicher ins Verlies gesteckt, in den Gefängnisturm »Luginsland« der Nürnberger Burg. Obwohl in Verhören zunächst nur wenig über sein Herkommen zu erfahren war, kamen doch durch die Aufmerksamkeit von herbeiströmenden Neugierigen, die das außerhalb der Gesellschaft aufgewachsene fremde Wesen bestaunen und begaffen wollten, merkwürdige Gerüchte und Spekulationen über sein Vorleben in Umlauf. Über zehn Jahre, also seit etwa einem Lebensalter von drei bzw. vier Jahren, wollte er in aller Verborgenheit in einem dunklen Raum aufgewachsen sein, in einem Kellerverlies auf einer Schütte Stroh, bei Wasser und Brot, ohne menschlichen Kontakt. Zu diesen Angaben passte, dass der linkische Findling sehr ungelenk in seinen Bewegungen erschien, schnell sehr verängstigt war, nur einen Sprachschatz von etwa 50 Worten besaß und bestimmte Behinderungen bzw. Fehlbildungen aufwies, die auf langes Sitzen zurückgeführt werden konnten. Seine Sinne reagierten sehr fein und waren schnell überreizt; dazu wollte und vertrug er anfänglich, über 100 Tage lang, auch keine andere Nahrung als Wasser und Brot. Außerdem war er ungewöhnlich nachtsichtig. Andererseits sprach er, der von aller Umgebung abgeschottet gewesen sein wollte, mit Tiroler dialektaler Einfärbung (auch als Altbayrisch gedeutetet), war gegen Pocken geimpft, wie zwei Stadtgerichtsärzte 1828 und 1830 feststellten, wohlgenährt und wies - außer den genannten Behinderungen - keinerlei Mangelerscheinungen auf, nicht einmal eine blasse Gesichtsfarbe! Auch überstand er sämtliche in Nürnberg auftretenden Kinderkrankheiten wie Keuchhusten und Masern ohne Ansteckung.
 
Mit einer auf den 7. 7. 1828 datierten, aber erst am 14. 7. veröffentlichten und landesweit verbreiteten »Bekanntmachung (Einen in widerrechtlicher Gefangenschaft aufgezogenen und gänzlich verwahrlosten, dann aber ausgesetzten jungen Menschen betr.)«, die in allen deutschen Staaten durch Zeitungsveröffentlichung Widerhall fand, begründete der Nürnberger Bürgermeister und mit ihm der Magistrat im Eigentlichen erst die Geschichte Kaspar Hausers als eines unbekannten »Opfers einer unmenschlichen Behandlung«. Die Merkwürdigkeiten darin sorgten nun erst recht für das fachliche Interesse des 1817 ins Amt gelangten Präs.Präsidenten des Appellationsgerichts in Ansbach, der den Fall, für den er sich zunächst angeblich nur privat interessiert hatte, nun unter Veranlassung weiterer Untersuchungen übernahm: Der bayerische Staatsrat Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach (* 1775, ✝ 1833), der eigentlich von der »Bekanntmachung« abgeraten hatte, kümmerte sich fortan um den scheuen Findling und wurde als dessen Obervormund bald zum eifrigsten Förderer des rätselhaften Jünglings. Feuerbach, als Begründer der modernen dt.deutschen Strafrechtslehre immerhin einer der führenden Juristen und Kriminalpsychologen seiner Zeit, war es auch, der als einer der ersten ernst zu nehmenden Zeitgenossen Vermutungen nachging, dass der armselige Knabe rätselhafter Herkunft aus fürstlich-adligem Hause stammen könnte. Er informierte diesbezüglich seinen seit 1825 herrschenden König, Ludwig I. von Bayern (* 1786, ✝ 1868), und übergab Kaspar Hauser am 18. 7. 1828 in die Obhut des Professors Georg Friedrich Daumer (* 1800, ✝ 1875), der ihn bis Dezember 1829 in seinem Haus beherbergte, wo Kaspar einen eigenhändigen Bericht seines bisherigen Lebens verfertigte, der heute in der Stadtbibliothek Nürnberg aufbewahrt wird.
 
Daumer, ein vielseitiger Religionsphilosoph und Dichter, der in seinem Hauptwerk »Die Religion des neuen Zeitalters« (3 Bände; allerdings erst lange nach Kaspar Hausers Tod, 1850, erschienen) eine esoterisch beeinflusste »Religion des Lebens« propagierte, interessierte sich sofort für das geheimnisumwitterte Findelkind und blieb ihm zeitlebens warmherzig zugetan. Er sah in dem unschuldigen Kaspar eine naturgemäße »Lichtgestalt« und kann auch als der Begründer von Ansichten einer angeblich »okkulten Mission« Kaspar Hausers gelten, die vor allem in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmende Verbreitung fanden. Neben Feuerbach wurde Daumer zur zweiten bedeutenden Betreuerperson; er unterrichtete Kaspar liebevoll selbst, unterzog ihn aber auch verschiedenen Beobachtungen sowie Experimenten und trat auch literarisch für ihn ein, als erste Zweifel an seiner Person aufkamen. Mit seinen späteren »Enthüllungen über Kaspar Hauser«, erschienen 1859, sollte er zu einem der wichtigsten Apologeten der »Kaspar-Hauser-Legende« werden.
 
Die geistige Entwicklung Kaspar Hausers, der bei seinem sensationellen Auftauchen laut Feuerbach lediglich den Entwicklungsstand eines Drei- oder Vierjährigen aufwies, blieb zwar auch unter Einfluss seiner beiden wichtigsten Gönner und Erzieher insgesamt begrenzt; aber der zunächst geistig Unterentwickelte machte doch durch seine Lernwilligkeit schnell einige Fortschritte, malte schließlich auch, spielte Klavier und dichtete sogar. Zweimal - am 27. 10. 1829 im Hause Daumers und deshalb Anlass für dessen Übersiedlung in eine neue Pflegschaft sowie am 3. 4. 1830 - soll nach Kaspar Hausers eigenen Angaben auf ihn vergeblich ein Attentatsversuch unternommen worden sein. Da seine Erzieher ihn aber auch in anderer Hinsicht schon als Lügner ertappt hatten, blieben immer Zweifel, ob es diese Attentate wirklich gegeben hatte.
 
Kaspar Hauser kam im Januar 1830 zunächst in das Haus des Kaufmanns und Magistratsrates Johann Christian Biberbach und am 1. 5. 1830 unter die Vormundschaft sowie in das Haus des Stadtrats und Juristen Gottlieb Freiherr von Tucher. Als dieser die Vormundschaft im November 1831 niederlegte, gelangte Kaspar schließlich am 10. 12. 1831 in die Obhut des kühlen Volksschullehrers Johann Georg Meyer nach Ansbach, wo ihn Feuerbach am dortigen Appellationsgericht, gegenüber der Wohnung seines Lehrers, sogar als Aktenkopist arbeiten ließ. In Ansbach wurde Kaspar am 20. 5. 1833 konfirmiert, neun Tage, bevor sein Gönner Feuerbach unter nicht restlos aufgeklärten Umständen starb.
 
Auffälliges Interesse für Kaspar entwickelte ab 1829 auch der als Reiseagent in Europa umherziehende englische Lord Philip Henry 4. Earl of Stanhope (* 1781, ✝ 1853); im November 1831 wurde er per Gericht zum Pflegevater bestellt und am 2. 12. 1831 übernahm er sogar - zur Freude der Stadt Ansbach - Kaspars gesamte Unterhaltskosten. Stanhope überhäufte den labilen und eitlen Knaben mit einer Fülle von Geschenken; binnen eines halben Jahres hatte er ihn - in fremdem Auftrag (?) - seiner beiden wichtigsten Gönner, Daumer und Tucher, entfremdet. Im Haus seiner Zieheltern und in seiner provinziellen Umgebung betrachtete man solches Gebaren »unvernünftigster Affenliebe« (Tucher) mit kleinlicher Missgunst, und so verwunderte es kaum jemanden, dass Stanhope sich nach seiner Abreise aus Ansbach immer weniger für Kaspar interessierte. Dessen letzte Lebensmonate waren denn auch geprägt von nörgelnder Lieblosigkeit und spießiger Enge sowie von einem schwierigen Verhältnis zu seinem Lehrer.
 
Als Kaspar Hauser am 14. 12. 1833 nach 16.00 Uhr aus dem Ansbacher Hofgarten mit einer Stichwunde im linken Oberbauch zurückeilte, die ihm ein schwarz gekleideter Unbekannter zugefügt habe, der ihn angeblich zur Übergabe eines ominösen Beutels und zur Preisgabe seiner Herkunft dorthin bestellt hatte, wurde dem zunächst keine größere Bedeutung beigemessen. Am Abend des 17. 12. 1833, gegen 22.00 Uhr, starb aber Kaspar Hauser an den Folgen der Stichwunde in der Wohnung des Lehrers Meyer. Drei Tage später, am 20. 12. 1833, fand seine Beisetzung unter großer Anteilnahme der Bevölkerung auf dem Stadtfriedhof statt.
 
Von den obduzierenden Ärzten wurde nicht zweifelsfrei geklärt, ob es sich um ein Attentat oder um eine Selbstverletzung handelte. Im Ergebnisbericht einer mit Sorgfalt geführten gerichtlichen Untersuchung vom 11. 9. 1834, die die Stadt Ansbach veranlasst hatte, wurde die Mordvermutung allerdings als wenig begründet eingeschätzt. König Ludwig I. von Bayern, der schon nach dem ersten Attentatsversuch eine Belohnung von 500 Gulden auf die Ergreifung des Täters ausgesetzt und einen Begleitschutz von zwei Polizisten angeordnet hatte, war aus politischen Gründen, die in dem Rückerwerb der Pfalz von Baden begründet waren, ernsthaft an einer Aufklärung des Falles interessiert und ließ nunmehr die für damalige Verhältnisse enorme Summe von 10 000 Gulden Kopfgeld ausloben. Aber umsonst, denn keine Hinweise auf den oder die Täter gingen ein und auch sämtliche weiteren Aufklärungsbemühungen blieben erfolglos.
 
Das mysteriöse Schicksal des Kaspar Hauser, seine Erziehung vom törichten Ungebildeten zu einem einigermaßen nützlichen Mitglied der Gesellschaft und die Versuche seiner Reintegration in diese, die verschiedenen Attentatsversuche und erst recht sein rätselhafter Tod hatten in allen deutschen Staaten wie auch fast überall in Westeuropa großes Aufsehen erregt. In der von beginnender Pressefreiheit und Fürstenhass geprägten Zeit des Vormärzes musste ein solcher Fall von vermuteten dynastischen Intrigen und »Verbrechen« fast zwangsläufig als Sensation gelten und ein starkes mediales Interesse finden. Auch der romantische Zeitgeist, durch Einfluss von J. J. Rousseau und J. H. Pestalozzi für Erziehungsgedanken aufgeschlossen, andererseits auch sehr dem Okkulten und Spirituellem zugetan, war für die Entwicklung des »Kaspar-Hauser-Mythos« von großer Bedeutung. Hinzu kam, dass Kaspar durch Lord Stanhope Zugang zu den Salons erhalten und zum Schluss als rätselvolle Berühmtheit in den ersten Kreisen verkehrt hatte. Nach dem Tod Kaspars wurde dieser etwas zwielichtige Lord allerdings zu einem der heftigsten Gegner der Legendenbildung um die Person des geheimnisvollen Findlings und sah in ihm, angeblich schwer enttäuscht, nur noch einen verabscheuungswürdigen Betrüger.
 
 Die Erbprinzentheorie
 
Schon zu Lebzeiten Kaspar Hausers tauchte die Behauptung auf, der merkwürdige Fremde sei ein Erbprinz von Baden gewesen. Ihn habe die seit 1787 in zweiter, morganatischer Ehe mit Markgraf, Kurfürst und Großherzog Karl Friedrich von Baden (* 1728, ✝ 1811) verbundene Luise Karoline Freiin Geyer von Geyersberg (* 1768, ✝ 1820), seit 1796 Reichsgräfin von Hochberg, zur Sicherung ihrer Erbansprüche beseitigen lassen. Und wirklich: Nach dem frühzeitigen Ableben von allein vier erbberechtigten Nachkommen aus der ersten Ehe Karl Friedrichs mit Karoline von Hessen-Darmstadt (* 1723, ✝ 1783), also der Hessen-Darmstädter Linie der Badener Zähringer, trat eine solche zunächst für höchst unwahrscheinlich angesehene Erbfolge der Hochberger Linie 1830 mit dem Regierungsantritt des Sohnes von Karl und Luise von Hochberg, Leopold I. (* 1790, ✝ 1852), auch tatsächlich ein - also nach dem Auftauchen von Kaspar Hauser. An so viele Zufälle mochten denn die Zeitgenossen nicht glauben und so entstand frühzeitig das Gerücht, hier ginge manches nicht mit rechten Dingen zu. Vor allem nahm man bald an, die Gräfin von Hochberg habe den am 29. 9. 1812 geborenen badischen Erbprinzen mit einem todkranken Bauernkind vertauschen lassen und den »wirklichen« Prinzen in sein Dunkelverlies verschwinden lassen. Als dieses wollte man - nach Beschreibungen Kaspars - 1924 ein Kellerverlies im Schloss Pilsach bei Neumark, unweit von Nürnberg, ausgemacht haben, welches - wie passend - 1828 einer Hofdame der bayerischen Königin Karoline (* 1776, ✝ 1841) gehörte, die als zweite Ehefrau des Vaters von König Ludwig I. wiederum eine Tochter von Erbprinz Karl Ludwig (* 1755, ✝ 1801) war, des noch vor der Nachfolge verstorbenen ältesten Sohnes von Großherzog Karl Friedrich.
 
Als erster wichtigster Vertreter der Erbprinzentheorie kann, wie schon erwähnt, Feuerbach selbst in Anspruch genommen werden. Schon im Februar 1832 unterrichtete er in einem geheimen Memoire »Wer möchte wohl Kaspar Hauser sein« die erwähnte bayerische Königinwitwe Karoline über »Vermutungsbeweise« seiner fürstlich-badischen Herkunft; es wurde erst 1852 von seinem Sohn, dem Philosophen Ludwig Feuerbach, anonym publiziert. In seinem grundlegenden Werk »Kaspar Hauser. Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen« (1832) stellte der wichtigste Hauser-Gönner erstmals alle bekannten Fakten zu Kaspars Leben geschlosssen dar; allerdings rückte er kurz vor seinem Tod von diesen Gedanken wieder ab, was von einigen Forschern aber bezweifelt wird. Öffentlich verbreitet wurde die Theorie zuerst von dem badischen Flüchtling J. H. Garnier in seiner 1834 in Straßburg veröffentlichten Schrift »Einige Beiträge zur Geschichte Kaspar Hausers«. Seitdem riss die oft bis ins Unsachliche gehende Polemik zwischen den Anhängern dieser Theorie und ihren Gegnern, die in der ganzen Geschichte nur Betrügerei und in den Attentatsversuchen auf Kaspar lediglich Selbstverstümmelungsversuche eines über nachlassendes öffentliches Interesse Enttäuschten sehen, nicht mehr ab.
 
Anhaltspunkte für die Vermutung von einer fürstlichen Herkunft Kaspars waren, nüchtern besehen, eigentlich gering. Der erste erbberechtigte Sohn des seit 1811 regierenden Großherzogs Karl Ludwig Friedrich von Baden (* 1786, ✝ 1818), Enkel von Karl Friedrich und seit 1806 verheiratet mit Stéphanie de Beauharnais (* 1789, ✝ 1860), einer Stieftochter Napoleons I., war zwar zwei Wochen nach seiner Geburt, am 16. 10. 1812, verstorben. Zur selben Zeit, im Oktober 1812, soll auch Kaspar nach dem ominösen Brief, den er bei seinem Auftauchen bei sich trug, »gelegt« worden sein. Da aber unter Druck Napoleons I. und des französischen Gesandten am Badener Hof eine genaue Obduktion des toten namenlosen Erbprinzen durch neun Ärzte erfolgte, kann eine immer wieder vermutete Verschwörung und Vertauschung des Säuglings ausgeschlossen werden, zumal sich dieser den ganzen Tag über und in der Nacht seines Todes unter sicherer Aufsicht seiner Großmutter befunden hatte und zu dieser Zeit die Säuglingssterblichkeit ja auch tatsächlich noch hoch war. Andererseits zeigte sich das Haus Baden erst 1924 bereit, die Todesurkunde öffentlich zu machen. Ganz abwegig erscheint auch nicht die Ansicht, dass Kaspar bewusst als Faustpfand Bayerns im Kampf um die Pfalz benutzt wurde und sein plötzliches Auftreten 1828 zielgerichtet »inszeniert« wurde, um Aufsehen zu erregen und das Großherzogtum Baden unter Druck zu setzen.
 
In der historischen Forschung wurde die Erbprinzentheorie, wie sie durch die Gazetten und eine spätere, romanhaft ausgeschmückte Vielzahl von Veröffentlichungen so große Popularität fand, dass selbst Angehörige des badischen Herrscherhauses und andere Adlige und Herrscher ihr Glauben schenkten, immer mit großer Skepsis aufgenommen. Als erster Zeitgenosse hatte schon 1830 der Berliner Polizeirat Johann Friedrich Karl Merker in seiner europaweit verbreiteten Schrift »Kaspar Hauser, nicht unwahrscheinlich ein Betrüger« die These vom Erbprinzen bekämpft, obwohl er ihn persönlich nie gesehen hatte. Um 1875 und dann besonders wieder in den 1920er-Jahren erschienen mehrere seriöse Darstellungen und Beiträge, die sich aus dem Studium der vorhandenen Akten ergaben und verschiedene Details des Kriminalfalls erhellten. Leider gingen im Zweiten Weltkrieg 49 Aktenbände für immer verloren. Ein Teil der Dokumente war aber vor 1939 durch den »Nestor« der »Kaspar-Hauser-Forschung« des 20. Jahrhunderts, Hermann Pies (* 1888, ✝ 1983), veröffentlicht worden, der sich als ein entschiedener Verfechter der These von Kaspar als dem Opfer eines zielgerichtet durchgeführten Verbrechens Verdienste erwarb.
 
Wenn auch verschiedene überkommene Aspekte wie die »Verliestheorie« in einigen Einzelheiten revidiert wurden, so galt die Prinzentheorie doch bis Mitte der 1990er-Jahre als endgültig gesichert. Heutige Forschung steht in vielem wieder am Anfang, seit 1996 eine Genanalyse eine Abstammungslinie Kaspars vom Haus Baden ausschloss. So spricht einiges dafür, dass »der Deutschen allerliebster Märchenprinz« (»Spiegel«, 45/1996) »nur« ein bayerisches »Besatzerkind« in Tirol gewesen sein könnte, das wieder über die »bayerische Grenze« geschickt worden war, wie der »Spiegel« 1996 nach dem Karlsruher Nervenarzt Günter Hesse vermutete. Die Besatzungsmacht Bayern hatte dort die Pockenimpfung eingeführt (Kaspar war geimpft!) und verschiedene Forscher führen seine genannten Auffälligkeiten, die bei der Obduktion nach seinem Tod entdeckten Hirnanomalien (vergrößertes Kleinhirn, unterentwickeltes Großhirn) sowie seine Behinderungen auf eine nur in Tirol verbreitete und erst neuerdings erforschte Erbkrankheit zurück, deren Symptome sehr ähnlich wie Kaspars Auffälligkeiten bei seinem Auftauchen sind.
 
 Die Genanalyse
 
Im Heft Nr. 45 vom 4. 11. 1996 berichtete der »Spiegel« unter der Überschrift »Der entzauberte Prinz« in seiner Titelstory über das Ergebnis eines Gutachtens, dessen Inhalt dem Server des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität München zu entnehmen ist. Danach war die angewendete Methode die Analyse des »genetischen Fingerabdrucks«, d. h. von außerhalb des Zellkerns stammender DNA (deutsch: DNS), und zwar aus den Mitochondrien, jenen in allen menschlichen Zellen vorhandenen Organellen. Diese mitochondriale DNA wird von der Mutter auf die Kinder vererbt. Söhne und Töchter besitzen sie in identischer Weise, jedoch können nur die Töchter sie an ihre Kinder weitergeben. Da erst nach 10-15 Generationen ein Erbsprung auftreten kann, also eine veränderte oder mutierte DNA, ist die Analyse zur Feststellung von Abstammungsverhältnissen besonders geeignet. Anhand einer Blutspur an Kaspar Hausers Kleidung wurden nun in den Labors des Forensic Science Service in Birmingham und des Instituts für Rechtsmedizin der Universität München eine Geschlechtsbestimmung und eine DNA-Analyse vorgenommen. Bei dem Kleidungsstück handelt es sich um eine Unterhose, die sich in dem ehemaligen Wohnhaus fand und Kaspar Hauser zugeschrieben wird. An die Zugehörigkeit muss man glauben, wenn man den Beweis akzeptiert. Nach den Untersuchungsergebnissen stammte die Spur »Kaspar Hauser« von einem Mann, und die DNA-Sequenz entsprach der, wie sie in der mitteleuropäischen Bevölkerung beobachtet werden kann. Diese Analyse verglich man dann mit Proben von zwei weiblichen Angehörigen des badischen Adelshauses, beide Nachkommen von Töchtern von Karl Ludwig Friedrich von Baden und Stéphanie de Beauharnais. Dabei wurden identische Sequenzen in der DNA ermittelt, was den Schluss zuließ, dass die beiden Personen verwandt sind. Beim Vergleich der DNA der Spur »Kaspar Hauser« mit der DNA der beiden Vergleichspersonen wurde aber festgestellt, dass sie sich an neun Positionen unterscheiden. Die Folgerung der Gutachter: »Somit können die beiden Vergleichspersonen nicht über die weibliche Linie mit dem Mann verwandt sein, von dem die Spur »Kaspar Hauser« stammt.« Durch diese »prominente« Heranziehung der Methode des genetischen Fingerabdrucks für eine Analyse historischer Abstammungsverhältnisse war Kaspar Hauser vom »Mythos der Geschichte« zu einem »Modellfall der Rechtsmedizin« geworden.
 
 Kaspar Hauser in der Sozialpsychologie, Wissenschaft und Esoterik
 
Die Geschichte von Kaspar Hauser, besonders seine extremen Kindheitsbedingungen, seine gesellschaftliche Absonderung und die hieraus resultierenden Persönlichkeitsstörungen, beeinflusste auch die Sozialforschung: Nach Alexander Mitscherlich werden durch Gemütsarmut und Kontaktschwierigkeiten gekennzeichnete sowie durch mehr oder minder vollständige Isolierung und fehlende soziale Bindung hervorgerufene Entwicklungsstörungen als Kaspar-Hauser-Komplex bezeichnet.
 
In der Verhaltensforschung gibt es den so genannten Kaspar-Hauser-Versuch, bei dem Tiere, besonders Vögel, in Isolation, also außerhalb ihrer typischen Sozialumgebung und unter Erfahrungsentzug (Reizdeprivation), aufgezogen werden, um so - nach Konrad Lorenz - genetisch angelegte Verhaltensmuster zu bestimmen (Phänomen der etholog.ethologischen Prägung). Im so genannten »Kaspar Hauser zweiter Ordnung« oder »Teil-Kaspar-Hauser« der Deprivationsforschung werden dem isolierten Jungtier nur bestimmte Reize vorenthalten, die von Artgenossen ausgehen. Isolationsexperimente am Menschen, um den Nachweis für angeborenes, instinkthaftes oder durch Lernen erworbenes Verhalten und Wahrnehmen zu erbringen, sind unter heutigen ethischen Normen nicht zulässig. Dennoch war gerade dieser Aspekt der Hauser-Geschichte für seine Zeitgenossen von besonderem Interesse.
 
In der Esoterik gilt Kaspar Hauser als hypersensitiver Seher; auch soll er verschiedene parapsychische Fähigkeiten gehabt haben. Rudolf Steiner, der Begründer der Anthroposophie, verstand ihn als Bindeglied und Mittler zwischen Erde und »Geistiger Welt«. Unter dem Stichwort »das Ringen um den Geist« fand die »Hauser-Legende«, der »Bildungsprozess« eines Mediums und Menschen, auch anthroposophische Deutung.
 
 Kaspar Hauser in Literatur, Film und Tourismus
 
Die Problematik des Kaspar-Hauser-Stoffes ist wegen der »Fülle« seiner Bezüge vielfach künstlerisch verarbeitet worden, enthält er doch jederlei publikumswirksame »Zutaten«: dunkle Herkunft und kurzes, rätselhaftes Leben, Findlingsmotiv, das »wilde Kind« bzw. die »naturrohe«, unverdorbene Unschuld, der »gefangene Prinz«, Intrigen, Verbrechen und unaufgeklärter Mordfall, Verwicklung und Einmischung hoch gestellter Personen. So ist seit Kaspar Hausers Tod unter historischen, religiösen, psychologisch-moralischen und sozialen Aspekten eine Vielzahl von Romanen und anderen Gestaltungen der Fabel zu diesem Thema entstanden, die in unterschiedlicher literarischer Qualität entweder das Prinzenmotiv favorisieren oder sein vorgeblich erschütterndes Schicksal und seine Unschuld als allgemein gültigen Fall schildern.
 
Am Anfang standen die Kolportage (u. a. F. Seybold und F. Hoffmann, 1834) sowie der Bänkelgesang (P. H. Welcker, 1835). Mit dem Roman »Die Söhne Pestalozzis« von Karl Gutzkow (1870) rückte der Gedanke der Erziehung eines Unverbildeten ins Zentrum der Darstellung. Seine entscheidende Gestaltung erhielt der Stoff im erfolgreichen Roman »Caspar Hauser oder die Trägheit des Herzens« von Jakob Wassermann (1908); unter Verdichtung aller damals bekannten Fakten der Erbprinzentheorie und unter Anregung neuerer Forschungen wird darin fast chronikartig und doch »herzlähmend« (Rolf Hochhuth), bei Konzentration allein auf die Geschichte des heranwachsenden Jünglings und unter Verzicht auf jegliche Spekulation, das Zugrundegehen des heimatlosen Einzelnen an einer egoistischen, trägen und lieblosen Bürgerwelt dargestellt, an einer selbstgerechten und inhumanen Gesellschaft, der Hauser allein Mittel zum Zweck ist: Befriedigung des eigenen Bedürfnisses nach Sensation. Diese auch religiöse Ausdeutung setzte Karl Röttger in seinem historisch untermauerten Roman »Kaspar Hausers letzte Tage oder das kurze Leben eines ganz Armen« fort (1933), während Sophie Hoechstetter die Figur in »Das Kind Europas« (1925) erneut in die Unterhaltungsliteratur einbrachte. Auch in poetischer Überhöhung wurde an den Fremden erinnert, so im »Gaspard Hauser chante« von Paul Verlaine (1881), von Rainer Maria Rilke in »Der Knabe« (1907) und im knappen »Kaspar Hauser Lied« von Georg Trakl (1913), wobei zumeist der von den Menschen Verstoßene thematisiert wurde. Kurt Tucholski wählte als eines seiner vielen Pseudonyme auch den Namen »Kaspar Hauser« und drückte somit seine Wertschätzung des umstrittenen Findlings aus, dessen Schicksal in den republikanischen 1920er-Jahren durch die Publikation neuer Forschungsergebnisse und Romanbiografien wieder erhöhte Beachtung gefunden hatte, unter anderem auch durch den Roman der Nachbesitzerin von Schloss Pilsach und am 26. 7. 1924 Entdeckerin des »Verlieses« in einem Zwischengeschoss, Klara Hofer, der unter dem Titel »Das Schicksal einer Seele« 1925 veröffentlicht wurde. Selbst Juristen wie Gustav Radbruch beschäftigte der Fall. Weniger bedeutsam wurde später die als »Der Tatsachenbericht« untertitelte literarisch-dokumentarische Gestaltung von Otto Flake »Kaspar Hauser. Vorgeschichte, Geschichte, Nachgeschichte« (1950).
 
Peter Handke schrieb 1968 das Sprechstück »Kaspar« als Parabel auf Bewusstseinsgewinn und Zerrüttung durch Sprache; das 1979 erschienene Drama »Kaspar Hausers Tod« von Dieter Forte ist ein Gespräch der Trauergäste auf Kaspars Beerdigung.
 
Auch der Film setzte die Thematik um, zuerst in einem Stummfilm von 1916, dann im Dreiteiler »Der Fall Kaspar Hauser - Verbrechen am Seelenleben eines Menschen« von 1962 (Buch und Regie R. A. Stemmle). Werner Herzog gab 1974 seinem Film den Titel »Jeder für sich und Gott gegen alle«. In dem 1994 als »Kostümkrimi« inszenierten Streifen »Kaspar Hauser - Verbrechen am Seelenleben« von Peter Sehr wurde die Prinzentheorie, begleitet von einem Buch von Johannes Mayer, noch einmal überzeugend und sehr publikumswirksam gezeigt: als spannende Rekonstruktion von Geschichte; mit André Eisermann in der Hauptrolle war der Film der große Sieger bei der Vergabe der Bundesfilmpreise 1994.
 
Die Stadt Ansbach, in der ein Denkmal in der Altstadt, ein Gedenkstein am Ort seiner Ermordung im Hofgarten, eine komplett neu gestaltete Abteilung im Markgrafenmuseum und sein Grab mit der bekannten Inschrift an Kaspar erinnern, richtet seit 1988 alle zwei Jahre eine »Kaspar-Hauser-Woche« aus, in der in Führungen die Plätze und Straßen gezeigt werden, die in Bezug zu Kaspars Leben stehen. Nach der Eigenwerbung im Internet wurde die »im Herbst 1998 neu eröffnete Kaspar-Hauser-Abteilung des Ansbacher Markgrafen Museums. .. mit modernster Licht- und Präsentationstechnik ausgestattet. In drei Abteilungen wird Kaspar Hausers Leben in Nürnberg und Ansbach nachgezeichnet und der Diskussionsstand seiner Herkunftstheorien dokumentiert«.

Universal-Lexikon. 2012.

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